Jazz durch die Dielen-Ritzen: Meine erste Begegnung
Shownotes
In dieser Folge nehme ich euch mit zurück in meine Kindheit im Nachkriegs-Hamburg, wo Jazz durch die Ritzen der Holzbalkendecke in mein Herz drang. Ich erzähle, wie der Sound von Glenn Miller, die Magie von Ella Fitzgerald und das Glück, Oscar Peterson live zu erleben, mich schon früh geprägt haben. Ihr erfahrt, wie ich mit Altpapier und Flaschensammeln meine ersten Kinotickets für Jazzfilme erwarb und wie ein altes Radio und das Amerika-Haus meine Welt für Musik öffneten. Auch die Herausforderungen, als Mädchen in einer Männerdomäne Fuß zu fassen, und mein Schlüsselerlebnis mit Miles Davis' Musik werden lebendig. Begleitet mich auf dieser persönlichen Entdeckungsreise durch die ersten zehn Jahre meiner Liebe zum Jazz.
Glenn Miller Orchestra
https://de.wikipedia.org/wiki/GlennMillerOrchestra
Ella Fitzgerald
https://de.wikipedia.org/wiki/Ella_Fitzgerald
Oscar Peterson
https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Peterson
Lionel Hampton
https://de.wikipedia.org/wiki/Lionel_Hampton
Miles Davis
https://de.wikipedia.org/wiki/Miles_Davis
Kind of Blue
https://de.wikipedia.org/wiki/KindofBlue
The New Miles Davis Quintet
https://en.wikipedia.org/wiki/Miles:TheNewMilesDavis_Quintet
Benny Goodman Story
https://de.wikipedia.org/wiki/TheBennyGoodman_Story
The Glenn Miller Story
https://de.wikipedia.org/wiki/DieGlennMiller_Story
British Forces Broadcasting Service (BFBS)
https://de.wikipedia.org/wiki/BritishForcesBroadcasting_Service
Amerikahaus Hamburg
https://amerikazentrum.de/geschichte/
Werner Burkhardt
https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Burkhardt
Ray Brown
https://de.wikipedia.org/wiki/RayBrown(Musiker)
Herb Ellis
https://de.wikipedia.org/wiki/Herb_Ellis
Niels-Henning Ørsted Pedersen
https://de.wikipedia.org/wiki/Niels-Henning%C3%98rstedPedersen
Alvin Queen
https://en.wikipedia.org/wiki/Alvin_Queen
Ulff Wakenius
https://de.wikipedia.org/wiki/Ulf_Wakenius
Bill Haley
https://de.wikipedia.org/wiki/Bill_Haley
Elvis Presley
https://de.wikipedia.org/wiki/Elvis_Presley
Chris Barber
https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Barber
Ken Colyer
https://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Colyer
Alexis Korner
https://de.wikipedia.org/wiki/Alexis_Korner
Banjos
https://de.wikipedia.org/wiki/Banjo
Framus
https://de.wikipedia.org/wiki/Framus
Spirituelle (Musik)
https://de.wikipedia.org/wiki/Spiritual_(Musik)
Blues
https://de.wikipedia.org/wiki/Blues
Fahrstuhl zum Schafott
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00:00:06: Hello and welcome to MJC, Marianne's Jazzcast.
00:00:14: Ich bin Marianne Tastappen und ich freue mich, dass ihr dabei seid!
00:00:18: Hier geht es um vieles was mit Jazz & Jazz verwandtem zu tun hat.
00:00:22: Es geht um Geschichten und Geschehene Um Menschen und Musik aus aller Welt Und aus vielen Zeiten Und hin und wieder werde ich auch Gäste haben.
00:00:31: In Folge eins.
00:00:31: nun möchte ich gerne erzählen wie ich zum Jazz gekommen bin und wie der Jazz mich seit den neunzehnundfünfzigern begleitet.
00:00:38: Zunächst einmal ich wuchs auf in einer von Kunst, Literatur und Musik geprägten Umgebung.
00:00:44: Meine Mutter hatte es nicht leicht im zerbomnten Hamburg zwei Töchter allein groß zu ziehen aber wir besaßen Bücher und den Flügel der noch heute im Familienbesitz ist.
00:00:54: Später kam ein Plattenspieler dazu – und es gab einen Onkel der sich mit den britischen Besatzern anfreundete und auf diese Weise auch Schellagplatten erhielt mit einer Musik die mir noch nicht vertraut war.
00:01:06: Ich hörte sie, als ich bei meiner Großmutter in der Kellerwohnung zusammengerollt auf dem Rossasu verlag.
00:01:12: Ich sollte schlafen doch durch die ungedämmte Holztecke über mir, hörte nicht nur Schritte hin und her sondern auch die Musik, die von den Plattenspielern im Raum über mich ertönte!
00:01:24: Und eines Abends sprang mich aus den angekratzten Rillen so einer Schellakplatte der Jazz-Bazillos durch die Holzritzen an – er hockte im Glenn Miller Orchestra beim Swingin' In The Mood.
00:01:37: Ich war noch ziemlich klein, als das geschah.
00:01:39: Natürlich konnte ich damals diese Musik nicht einordnen – keinen Stil, keinen Namen und keinen Titel!
00:01:45: Aber der Rhythmus, der Sound, die Stimmung… The mood eben all das grob sich tief ein in mein kindliches Gemüt.
00:01:53: Und von einer anderen, erhörte auch den Re-Enlistment Blues aus dem Film From Here to Eternity verdammt in alle Ewigkeit.
00:02:02: und auch dieser Blues hinterließ damals unauslöschliche Spuren, nicht zuletzt deshalb weil mir damals beim Betrachten des Capital Labels die schwere Schellakscheibe aus der Hand fehl'n zu allerentsetzend zerprach.
00:02:17: Als der Film Die Glenn Miller Story in die Kinos kam berührte mich die Geschichte des Puzzonisten und Bandleaders sehr.
00:02:23: Und ein weiterer Film war absolut beeindruckend, nämlich die Benny Goodman Story – weil dort Musiker in Persona auftraten wie Lionel Hampton, Harry James, Gene Krupper, Kit Ory und Teddy Wilson.
00:02:36: Ich weiß nicht, wie viel Altpapier und Flaschen ich gesammelt und zum Händler getragen hatte für genügend Groschen um mir die Kinokarten zu kaufen.
00:02:45: Irgendjemand schenkte mir ein uraltes Radio, in dem ich mit viel Geduld den Sender BFBS British Forces Broadcasting Service einstellte.
00:02:55: Ich krochförmlich durch den losen Stoff vor dem Lautsprecher in das Radio hinein.
00:03:00: Welten öffneten sich und natürlich sendeten die Engländer Musik von ihren Favoriten wie Chris Barber, Ken Colia und Alexis Corner.
00:03:08: In meinem Freundeskreis waren Skiffel- und Traditional Jazz schwer angesagt.
00:03:13: Meine Mutter überließ mir ihr altes rostiges Fahrrad mit Holzgriffen am Lenker.
00:03:18: Ich bemalte das Rad mit schwarzer Farbe und pinselte mit Weiß die Namen meiner Favoriten darauf, von Lewis Armstrong, Duke Ellington, Billy Holiday, Miles Davis bis zu Muddy Waters.
00:03:29: Das Rad stellte ich im Winter an den Zaun von dem Park planten um Blumen und ging zum Schlittschuh laufen Denn dort tönten über die Eisbahn die heißesten Hits der fünftiger Jahre wie etwa Rock Around the Clock von Bill Hayley.
00:03:42: Seine Stirnlocke fand ich albern und hätte sie gern abgeschnitten.
00:03:46: Heartbreak Hotel von Elvis Presley finde ich heute noch toll!
00:03:50: Mein Fahrrad jedenfalls zog manchen Jazzschwärmer an.
00:03:54: Später in den Sechzigern gab es abends bei BFBS auch noch die ganz spezielle Modern-Jazz Ecke, eingeleitet mit Jimmy Jove's Komposition The Leprechaun und den Worten Hello this is Bill Crozier with cool cool corner.
00:04:09: Es war meine absolute Lieblingssendung.
00:04:12: Doch zurück in die Fünftziger, denn da geschaf mich das Ereignis als nämlich Jazz-Impressario Norman Granz.
00:04:25: Ich hatte mir ein Jagdfernrohr geliehen, dass man wie eine Brille auf die Nase setzte.
00:04:37: Auf diese Weise konnte ich mich mit beiden Händen an einer Säule festhalten, mich weit nach vorne beugen und mir Ella Fitzgerard ganz nah heranzaubern.
00:04:47: Und dazu Oscar Peterson am Piano – ich war sofort verliebt!
00:04:51: – und ganz nebenbei.
00:04:53: fünf Jahrzehnte später erlebte ich Oscar Peterson erneut in der Leihsalle diesmal auch Backstage.
00:04:59: Ich trug seine Autobiografie ihr Jazz Odyssey bei mir und bat ihn um ein Autogramm.
00:05:05: Eine seiner Hände war durch einen Schlaganfall fast gelähmt.
00:05:09: Trotzdem ergriffen mit seinen beiden warmen, weichen Händen meine Hand, lächelte mich an und schrieb dann etwas in das Buch.
00:05:16: Seinen Eintrag laß ich erst nach der Begegnung – da stand vor Meerne Herpiness!
00:05:23: Das Glück aus Capitasen, zusammen mit Ray Brown Bass und Herb Ehlers Gitarre in den fünftigern.
00:05:29: Und dann – Zwei-Tausendfünf mit Gitarist Ulfa Kinius, Bassist Nils Hennig Östedt Pedersen und Schlagzeuger Alvin Queen im Konzert erlebt zu haben.
00:05:38: Wärmt mich noch immer!
00:05:40: Doch zurück zur Ella Fitzgerald über ihr JATP-Konzert norzenetzechsenfünftig schrieb ich für die Schülerzeitung meine aller erste Jazzkritik Und im Dezember jenes Jahres gastierte Lionel Hampton endes Orchester in der Ernst-Merkhalle bei Planten und Blumen.
00:05:56: Ein Freund hatte mich zu dem Konzert eingeladen, ich werde ihn nie vergessen wie die Musiker die große Kale Halle zum Beben brachten – und als Lionell Hampton dann auch noch übers Schlagzeug sprang gab es überhaupt keinen Halten mehr!
00:06:08: Die begeisterte Menge stürmte die Bühne.
00:06:11: In jenen Jahren bekam ich auch zwei für mich ganz besondere Bücher geschenkt.
00:06:16: Eines über Spirit Tools und eines über Blues.
00:06:19: Beide Bücher enthielten Original-Songtexte samt Übersetzungen und Noten mit den Anmerkungen für die dazugehörigen Akkorde auf Begleitinstrumenten.
00:06:28: Auf einer Zeichnung in dem Buch war ein Bluessänger mit einem Banjo abgebildet, und sofort wünschte ich mir einen Banjo!
00:06:35: Der Verkäufer bei Steinway, dem einstigen großen Musikalienhändler an den Kulonaden in Hamburg, meinte zu meiner Mutter – Banjos sind nichts für Mädchen, kaufen sie ihr lieber eine einfache Gitarre so eine wie diese hier?
00:06:49: Glücklich trug ich schließlich die ziemlich fragile Framus-Akustik-Gitarre in einer Stofffülle nach Hause und begann mühsam mir, den ersten einfachen Bluesgriffe selber beizubringen.
00:06:59: Und in jener Zeit geschah noch etwas – In Hamburg wurde ein neues Amerikahaus eröffnet, in dem mich nach der Schule bald fast zu Wohnen schien.
00:07:09: Es befand sich in der Nähe vom Dammturbahnhof.
00:07:11: Heute steht da ein großes Hotel!
00:07:14: Das Amerikahaus nun verfügte über eine riesige Bibliothek und eine Schallplatten-Sammlung, die auch mit Jazzplatten bestückt war.
00:07:22: Und hin und wieder fanden auch Jazzkonzerte statt!
00:07:25: Und einmal las ich in einem Programm das ist ein Jazz Seminar gab – da musste ich unbedingt hin.
00:07:32: In dem Seminarraum im ersten Stock warteten lautredend nur Männer, die sofort verstummten als der dunkelharerige Seminarleiter mit einer Mappe unterm Arm vorn ans Pult trat.
00:07:43: Sein Blick schweifte über die Köpfe und blieb an mir hängen.
00:07:47: Ich sehe, wir haben da neu in der Runde eine junge Dame.
00:07:52: Alle treten sich zu mir um – hinten in der Ecke!
00:07:56: Ich fühlte wie mir die Röte ins Gesicht schoss.
00:07:59: Der Seminarleiter schaute wieder auf seine Jünger.
00:08:02: «Ich hoffe meine Herren sie sind alle einverstanden wenn Sie diese Stunde erst einmal hier bleiben darf.».
00:08:08: Zustimmendes Gemurmel.
00:08:09: dann begann das Seminar.
00:08:12: Vor allem wurden besondere Jazz-Venülescheiben vorgestellt und dabei erfuhren wir die Geschichten der Musiker, die Quellen der jeweiligen Musikstile und die Bedeutung des Jazz im Allgemeinen.
00:08:23: Ich lauschte andächtig.
00:08:25: Nach der Stunde sprach mich der Seminarleiter an, fragte warum ich an dem Seminar interessiert sei und meinte dann, ich müsse erst einmal einen Antrag ausfüllen und danach würde ich schriftlich benachrichtigt ob ich überhaupt an der Veranstaltung teilnehmen dürfe.
00:08:39: Ich durfte!
00:08:40: Und bei der letzten Sitzung dieses Jazz Seminars hatte der Dozent einen gewaltigen Stapel von Schallplatten vor sich.
00:08:47: Vor allem Exemplare, die er als Musikkritiker von den Plattenfirmen erhalten hatte.
00:08:52: Die Teilnehmer mussten nun bei einem Quiz ihr erlerntes Wissen über den Jazz beweisen und wurden mit einer LP oder EP belohnt.
00:09:01: Ich hielt mich absolut still.
00:09:03: Bloß nicht auffallen Bloß keine Schwächen zeigen Nichts Falsches sagen.
00:09:08: Ganz zum Schluss lag da nur noch eine IP auf dem Tisch.
00:09:11: Der Dozent sagte, unsere junge Dame war immer anwesend – immer aufmerksam und ich denke sie soll diese letzte Platte hier geschenkt bekommen!
00:09:21: Und durch die Stuhlreinen durch wurde die IP an mich hinten in der letzten Reihe weitergereicht.
00:09:27: Es handelte sich um Miles The New Miles Davis Quintet Miles Davis Trompete, John Coltrane Tenor Saxophon Redgarlin Piano Paul Chambers Bass und Philly Joe Jones Schlagzeug.
00:09:39: Auf der EP befinden sich nur zwei Stücke nämlich Stable Mates und How Am I To Know?
00:09:45: von der nineteen fünfundfünfzig aufgenommenen LP.
00:09:49: Diese Musik nun öffnete mein Herz noch weiter für den Modern Jazz.
00:09:54: Die EP habe ich immer noch Und der Seminarleiter hieß Werner Burkhard.
00:09:59: Mein Gott Werner.
00:10:01: Er wurde mein größtes Vorbild, ich verehre ihn heute noch.
00:10:05: In den Jahrzehnten danach sind wir uns als Kollegen noch oft
00:10:08: begegnet.".
00:10:09: Und dann – und dann war das – kam der schwarz-weiße französische Kriminalfilm Fahrstuhl zum Schaffwort hier in die Kinos mit der Musik von Miles Davis und die raubte mir den Atem und den Schlaf.
00:10:23: In den schon erwähnten Kolonaden gab es auch die längst verschwundenen Plattenladen Wodem, der noch mit Holzen in Einzelkabinen ausgestattet war.
00:10:32: Neben dem Amerika-Haus war dieser Laden für mich nach der Schule der zweitwichtigste Anlaufpunkt – denn dort fand ich immer einen Stapel der Neuerscheinungen vor und eines Tages lag das Album Kind of Blue oben auf!
00:10:46: Und Kind Of Blue wurde für mich zum Innenbegriff dessen was sich fortan mein Leben lang hören wollte.
00:10:52: Das Erscheinen des Albums im August, neunundfünfzig war zweifellos der Höhepunkt Geneserzehnt für mich damals.
00:11:00: Und damit endet auch schon die Erzählung über die erste Dekade meiner Liebe zum Jazz.
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